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Kassandra, berühmt als die alle Schrecken herbeiredende Furie, steht hier im Zentrum als die einzige Weitsichtige, auf die man hätte hören müssen, um genau die Schrecken zu vermeiden, die man ihr anlastet. Geradezu feministisch wendet sie sich gegen das Machogehabe aller Krieger. Deshalb wird sie hier zuerst als Lieblingstochter des Herrscherpaares von Troja, Priamos und Hekabe gezeigt.

Sie will unbedingt Priesterin des Apollotempels werden. Dazu müsste sie sich aber dem Priester dort zuerst hingeben. Als sie sich verweigert, spuckt dieser ihr gekränkt – der Sage nach Apollo persönlich – in den Mund, so dass sie zwar alles weiß, was Apollo vorhat, aber kein Mensch glaubt es ihr. Aus dieser einsamen Seherlage entfremdet sie sich vom Hofe und fällt sogar in Ungnade bei ihrem Vater, weil im matriarchalischen Troja schon die neue Zeit der patriarchalischen Griechen einzieht, was bedeutet, dass man um Ehre und wirtschaftlichen Vorteil nicht mehr vor Krieg zurückschreckt. Kassandra sieht den Untergang Trojas voraus, gilt aber nur als Schwarzmalerin, Nestbeschmutzer, ja Verräterin, weil sie lieber den Griechen den Zugang zu den Dardanellen geben will und, wenn es sein muss, auch noch den Priamos-Schatz, damit nur ja der Krieg endet, der sowieso nur wegen eines Phantoms geführt wird: Helena ist überhaupt nicht in Troja!

Eine Verquickung von Geschichte, Sage und subjektiver Interpretation zugunsten eines pazifistischen Gegenentwurfes, der die „strahlenden“ Sieger aus Griechenland vom heroisierenden Sockel stößt und sie als blutrünstige Narren darstellt, die auch noch die quasi unschuldigen Trojaner mit in diesen Wahnsinn reißen. Kassandra wird am Ende als tragische Heldin von Agamemnon bzw. seiner eifersüchtigen Frau, Klytaimnestra hingerichtet.

 

 

(Esd handelt sich um eine stark episierende Vorlage, die neben der Rührung auch möglichst viel der politischen Hintergründe von kriegerischen Konflikten aufdecken soll. Mit Bedauern allein ist bisher ja noch kein Krieg verhindert worden. Um aber das Theaterstück nicht zu einem „Hörspiel“ verkommen zu lassen, wurden auch viele körperliche Spielideen mit notiert.

Es ist hier die Fassung, die vom 27.09.-06.10.1997 in Moskau zum „Europäischen Theaterfestival“ der ITA uraufgeführt wurde. Natürlich sind die Inszenierungsvorschläge nicht zwingend, sondern hauptsächlich nur als Lesehilfe gedacht, damit die ungewöhnliche Notierung nachvollziehbar wird. Ernst und jugendliche Unbekümmertheit reichen sich hier die Hand, wobei die gelegentliche Nähe zum Slapstick das Erschrecken eher durch den Kontrast befördert, als schmälert.)