Autorinnenporträt: Sandra Vollus

Im Folgenden berichtet uns Autorin Sandra Vollus ausführlich über die Entstehung ihres Theaterstücks Silver Horizon und ihren beruflichen Werdegang:
„Für ein Musical ist es nie zu spät, oder?“, fragte Özlem Topuz Ende 2023 in die Runde. Sie ist als Leiterin der Freizeitstätte 60Plus in Berlin Friedenau tätig und weckte mit ihrer Frage so einige Neugierde bei den Besucher:innen. Es dauerte nicht lang, bis sich eine Gruppe von 14 Teilnehmer:innen im Alter von Anfang 70 bis Ende 80 zusammen fand und zu den ersten Proben traf.
In Kooperation mit dem Regisseur, Theaterpädagogen und Schauspieler Joāo Eduardo Albertini von der Spore Initiative, Özlem Topuz und mir als filmische Begleitung für die Dokumentation des Projektes beschäftigte sich das Musicalprojekt unter dem Arbeitstitel „Mein Leben ist ein Fluss“ über ein Jahr lang mit den Biografien der Teilnehmer:innen und warf viele Fragen auf. Im Besonderem über das Älterwerden und die Gesellschaft. Was heißt es in einer Zeit zu Altern, die schnelllebig und selbstorientiert jungen Schrittes voranschreitet? Leistungsfähig und ganz effizient, denn Zeit heißt Geld, und wer kann sich hinsichtlich einer Politik, die lieber Probleme abschiebt, als ihr auf den Grund zu gehen und einer Gesellschaft, die immer mehr bereit ist, errungene demokratische Werte abzugeben, in Würde Altern? Eine soziale Frage? Eine Politische? Eine Gesamtgesellschaftliche?
Das Projekt stellte sich diesen Fragen und es nahm sich Zeit zuzuhören, Raum zu geben, nachzufragen und Respekt zu zeugen vor so vielen gefüllten Menschenjahren. Die meisten Teilnehmer*innen waren Frauen. Sie berichteten von viel Benachteiligung und Ungerechtigkeit, sie erzählten von ihren großen oder kleinen Kämpfen, gegen die Rollenklischees und manchmal auch von ihrer Befreiung daraus. Es wurde geweint, gelacht, gesungen und wieder erzählt, dann viel geschrieben, gemalt und musiziert. Es wurde auch getrauert, denn eine Frau verstarb, derweil ihre Geschichte von ihrem schönen Leben mit dem schönen Mann gerade erst verklungen war.
Mitte des Jahres wünschten sich die Teilnehmer:innen einen Bühnentext, da sie sich mit der reinen Improvisation der Themenvielfalt überfordert sahen und ein roter Faden fehlte. Da ich durch meine Ausbildung als Regieassistentin am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater und diversen professionellen Theaterproduktionen Erfahrungen im Schreiben szenischer Texte gesammelt hatte, münzten wir kurzerhand mein Aufgabengebiet um und ich begann einen Bühnentext zu schreiben. Mit dem Bezug zum Arbeitstitel einigten wir uns auf ein gern verwendetes Klischee für Stücke für Senior:innen, eine Kreuzfahrt, und fügten eine gute Portion schwarzen Humor hinzu, der die im Arbeitsprozess aufgeworfenen Fragen widerspiegelte. So entstand die Idee für ein hochmodernes Kreuzfahrtschiff, das von KI gesteuert und von Robotern geführt ohne Landgänge „die Alten“ auf ihre letzte Reise schickt, damit sie das Rentensystem nicht mehr belasten. Selbstverständlich mit einem Krematorium an Bord: „Sie haben an alles gedacht!“
Die Figuren passte ich den Rollenvorstellungen der Teilnehmer:innen an und integrierte einige ihrer selbst geschriebenen Texte und Gedichte in die Handlung. Neben zwei populären Liedern, die die Gruppe singen wollte, komponierte ich zusätzlich noch drei weitere Lieder und die Musik für einzelne Szenen. Und so flossen in diesem Projekt viele Gedanken über die Vergangenheit, das Jetzt und das Morgen zusammen, mit vielen eigenen Texten über Liebe, Hoffnung, Mut und Zuversicht – und auch die Endlichkeit. Mal lyrisch, mal als Reim oder in einem ganz persönlich zugeschnittenen Lied verewigt.
Für das maritime Bühnenbild und die Ausstattung konnten wir die Künstlerin Katja Kottmann gewinnen, für die Choreografie und Körperarbeit die Schauspielerin und Clownin Cátia Almeida Santos. Als Unterstützung der Probenarbeit hat die Schauspielerin Anna Stieblich uns ehrenamtlich zur Seite gestanden und konnte so mancher Teilnehmerin mit ihrem Know-how Sicherheit auf der Bühne geben.
Das Musical – oder sagen wir, das musikalische Theaterstück, wurde Ende 2024 in einer erfolgreichen Premiere uraufgeführt. Es folgten zwei weitere Aufführungen im Frühling 2025 – mit über dreihundert begeisterten Zuschauer:innen. Und der Stolz der Theatergruppe, es wirklich geschafft zu haben ein so großes Projekt auf die Beine zu stellen, war beispiellos.
Seitdem trifft sich die Gruppe ohne Leitung weiterhin jede Woche um dieselbe Uhrzeit. Es wird geplauscht und gesungen, an neuen Texten und Liedern gearbeitet.
Um die Privatsphäre unserer Teilnehmer:innen zu schützen, habe ich in dieser Überarbeitung des Textes die biografischen Anteile und selbstgeschrieben Texte der Teilnehmer:innen heraus genommen und die Personenzahl reduziert, um das Stück auch für kleinere Theatergruppen zugänglich zu machen.
Das Theaterstück enthält zwei Lieder, die wir aufgrund der fehlenden Zeit nicht mehr einstudieren konnten, die aber an das ursprüngliche Musical erinnern sollen. „Silver Horizon“ ist mein erstes veröffentlichtes Theaterstück und ich sehe es als Gemeinschaftswerk. Es war mir eine Freude zu sehen, wie gut es auf der Bühne funktioniert hat und wieviel Anklang das Thema beim Publikum gefunden hat.
Neben dem Schreiben bin ich freischaffend als Künstlerin in den Bereichen Film und der Kunst tätig. Nebenher engagiere ich mich bei sozialen Projekten, wo ich meine Fähigkeiten in die Arbeit einfließen lassen kann.
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