Inklusion auf der Theaterbühne: Ein weiterer Bericht von unserer Autorin und Theaterpädagogin Sabrina Schultheis

Wir freuen uns heute noch einen weiteren Artikel von unserer Autorin und Theaterpädagogin Sabrina Schultheis veröffentlichen zu können. Einmal in der Woche berichtet sie uns von ihrer Arbeit mit behinderten Menschen auf der Theaterbühne. Heute befasst sich der Artikel mit dem heiklen Thema Mobbing und der Zusammenhalt innerhalb einer Theatergruppe. Ein informativer Text, der sicherlich auch auf jede andere Theatergruppe passt, denn ohne Harmonie und gutes Auskommen unter den Schauspielern lässt sich keine Kreativität und Engagement auf der Bühne erarbeiten.

Wer mehr über die Arbeit von Sabrina Schultheis erfahren möchte schaut einfach mal auf ihrer Homepage Wolkendinge.com vorbei.

 

 

Ich nehme jeden auf! Oder?

 

Aus gegebenem Anlass möchte ich noch einen siebten Teil der Serie schreiben.

Es ist kein schöner Teil, doch gerade wird mir klar, dass man wohl auch über so was nachdenken und schreiben sollte.

Dafür muss man wissen: Meine Kurse sind alles Amateur-Kurse, die auf öffentlichen Bühnen auftreten, aber das Ganze machen, weil es ihr Hobby ist.

Also ist es meiner Meinung nach nicht nur meine Aufgabe, sie künstlerisch auf das nächste Projekt vorzubereiten, sondern auch, pädagogisch zu handeln.

 

In meinen Kursen ist das ja so: Prinzipiell nehmen wir erst einmal jeden auf, völlig unabhängig von Grad oder Art der Behinderung, eigentlich auch unabhängig vom Charakter- nur eines ist uns wichtig: Die Person muss in die Gruppe passen.

Vom Fußballfan bis zum Am-liebsten-Profi-Schauspieler, von Förderschule Geistige Entwicklung bis Gymnasium, von besonders sportlich bis gern mal faul, wir haben in unseren Gruppen wirklich die verschiedensten Charaktere dabei.

Was sie alle verbindet? Sie wollen Theater machen und damit auf die Bühne.

 

Dafür bekommen Frischlinge bei uns immer eine bis zwei Schnupperstunden und schon zu Beginn eine ziemlich klare Aussage: Man kann alles lernen, es ist überhaupt nicht wichtig, wenn du dich noch nicht traust, bei Übungen mitzumachen oder direkt auf die Bühne zu springen.

Es ist wichtig, ob du die anderen aus der Gruppe magst und ob die dich mögen, denn wir müssen zusammenarbeiten und das geht nur richtig gut, wenn man sich leiden mag.

 

Wie ich in anderen Artikeln schon berichtet habe, ist es mir besonders wichtig, dass die Schauspieler zusammenarbeiten, das hat drei Gründe:

  • Ich finde es gut und wichtig, dass Menschen mit Behinderung auch mal etwas machen, ohne sich bei Hilfebedarf an einen Erwachsenen wenden zu müssen, das macht einfach selbstständiger und viele kennen das so gar nicht.
  • Wenn die Darsteller sich gegenseitig unterstützen, sorgt das für mehr Verständnis untereinander und dadurch häufig auch leichter für das Aufbauen von Freundschaften.
  • Auf der Bühne bin ich nicht mit dabei, da müssen sie sich selber retten.

 

Was passiert, wenn eine Person anfängt, Unruhe zu stiften, zu mobben, sich nicht an Regeln zu halten?

Diese Person zerstört.

 

Nun bin ich pädagogisch und versuche immer erst einmal, alles im Guten zu klären.

Als also das Mobbing gegenüber einer Schauspielerin anfing, habe ich erst den Mobber in einem Vier-Augen-Gespräch zur Seite genommen und sehr klar gemacht, dass ich davon nichts halte, dann habe ich die Gemobbte für ihren Mut gelobt, es mir zu sagen, dann habe ich der gesamten Gruppe einen „Wir müssen aufeinander achten“- Vortrag gehalten und den Mobber und die Gemobbte wenn möglich nicht mehr gemeinsam arbeiten lassen.

Was habe ich dadurch erreicht?

Die anderen Schauspieler waren sensibilisiert, die Gemobbte hat in vielen Kleinigkeiten maßlos übertrieben, der Mobber hat nichts gelernt und die Gruppe war in Unruhe.

 

Es tat also der Gruppe alles andere als gut und hat im Endeffekt nichts gebracht, das schlimme Verhalten ging weiter.

Also habe ich noch einmal ein Gruppengespräch geführt, dieses Mal ging es um Zusammenhalt und darum, dass Schauspieler, die sich nicht einfügen wollen, wohl für eine gewisse Zeit gesperrt werden müssen.

Wozu hat das geführt? Noch mehr Unruhe, die Schauspieler fingen an, sich sehr genau auf die Finger zu sehen und haben jede Kleinigkeit angemerkt, die Schauspielerei, der Zusammenhalt sind flöten gegangen.

Und der Mobber? Fühlte sich nicht einmal angesprochen.

 

Ein Jahr lang hat sich das jetzt gezogen, ich habe einige Konsequenzen gezogen, habe Verbote aussprechen müssen und so mehr und mehr Unruhe in die Gruppe gebracht.

Eine Darstellerin weinte mehrfach, eine andere dachte ernsthaft darüber nach, die Gruppe zu verlassen, weil sie sich nicht mehr wohl fühlte.

 

Also habe ich den Mobber rausgeschmissen.

Ich mache den Job jetzt schon seit einigen Jahren, aber so was habe ich bisher noch nicht machen müssen und es hängt mir wirklich nach. Deswegen schreibe ich jetzt auch darüber. Es kann jedem Leiter einer Gruppe passieren- leider.

 

 

Und was habe ich daraus gelernt?

Ich muss auf die Gefühle meiner Darsteller achten, denn die sind, worum es geht.

Ich habe theoretisch alles richtig gemacht, es hätte wirken können,

ABER ich hätte es nie im Leben so lange ziehen dürfen.

 

 

Und jetzt? Jetzt können wir uns endlich wieder mit dem auseinandersetzen, wofür wir zusammengekommen sind: Theater!

 

 

Über die Autorin:
Sabrina Schultheis (Kommunikations- und Theaterpädagogin, heilpädagogische Ausbildung, Lehrerin an einer Förderschule) ist seit vielen Jahren als Theaterpädagogin und Regisseurin, auch – aber nicht nur – explizit für Menschen mit Behinderung tätig. Die Stücke wurden mehrfach von der Aktion Mensch gefördert. Sie ist Autorin einiger Theaterstücke (darunter „einfach LEBEN“, „Verdächtige“ u.v.m) und des Buches „Praxisbuch: Theaterarbeit mit Menschen mit Behinderung“ , dieses gibt noch mehr Tipps und Hinweise.

 

 

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