Inklusion auf der Theaterbühne: Glückspilzfabrik Teil 5, „Klassiker sind killefitz“

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Heute lest ihr Teil 5 unserer kleinen Serie über die Theaterarbeit mit Menschen mit (und ohne!) Behinderung.

In insgesamt sechs Artikeln beschreibt unsere Autorin und Theaterpädagogin Sabrina Schultheis ihre Arbeit und Vorgehensweise von der ersten Idee bis zur Premiere mit ihren Theatergruppen. Wir sind begeistert!

Weitere Infos findet man auf der Seite wolkendinge.com.

 

 

 

Klassiker sind killefitz

 

Viele Amateur-Schauspielgruppen landen früher oder später bei den Klassikern wie Shakespeare und co.

Und das ist gut und richtig so, aber gilt das auch für Kurse für und mit Menschen mit Behinderung?

Aber sicher das!

An dieser Stelle muss ich ausholen.

 

Der Kurs „EigenArt“

Neben dem Jugendkurs in der Kulturwerkstatt32 habe ich natürlich noch einige andere, heute steht der Kurs „EigenArt“ des Kunstbahnhofs Wipperfürth im Fokus.

Dieser Kurs besteht aus einem Dutzend Menschen mit geistiger Behinderung im Alter von Ende 20 bis Mitte 70.

Nachdem ich diesen Kurs begonnen habe und wir uns mit Grundlagen beschäftigt hatten, habe ich ihnen die Frage aller Fragen gestellt: Was soll unser erstes Stück sein?

Die Antwort: „Romeo und Julia“ (man frage mich nicht, wie sie darauf kamen, das war vermutlich ihre Assoziation mit dem Theater).

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Romeo und Julia- von einfach zu kompliziert

Wie um Gottes Willen soll man dieses komplexe und in der Sprache schwierige Stück aufbereiten für Menschen mit geistigen Behinderungen?

Durch Fragen: Was wussten sie denn über das Stück?

Antwort: Da sind diese zwei und die lieben sich und sie dürfen nicht und am Ende sind sie gestorben.

Ok, darauf lässt sich aufbauen- und genau das haben wir dann getan!

Wir haben das Stück in verschiedene „Tage“ eingeteilt.

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Tag eins: Romeo und Julia lernen sich kennen, die Familien wollen das nicht.

Tag zwei: Romeo und Julia treffen sich heimlich, verlieben sich und wollen heiraten.

Tag drei: Romeo bringt Tybalt um, weil der sich einmischt, danach heiraten Romeo und Julia

Tag vier: Paris petzt das, Romeo wird rausgeschmissen

Tag fünf: Julia kauft Gift, will ihre Familie hinter`s Licht führen, um bei Romeo sein zu können, Romeo verpasst den Brief, kommt zurück, sieht Julia…. (Ende ist ja bekannt)

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Wir haben begonnen, Tag drei einzustudieren, denn das war, was alle kannten. Dabei haben wir alltägliche Sprache benutzt. Nachdem wir dies nun konnten, stellte sich die nächste Frage: Wie konnte es so weit kommen? So haben wir nach und nach Tag eins und zwei davorinszeniert.

Dann kam die Frage: Was passiert denn nun wohl? Wir haben uns überlegt, was wir wohl machen würden und haben das dann mit dem, was die beiden taten, verglichen.

So kamen am Ende alle fünf Tage zusammen.

Nachdem wir die Geschichte als solche kannten, haben wir begonnen, die bekanntesten Romeo und Julia- Zitate einzubauen. Weil das so gut funktionierte und die Darsteller unfassbar wissbegierig waren, haben wir dann noch andere Shakespeare-Zitate (zum Beispiel das bekannte Sonnet 18) eingebaut.

Es hat wirklich sehr lange gedauert, aber am Ende hatten wir eine moderne Romeo und Julia-Version, vereinfacht, dafür aber mit Zitaten der schwierigen Originalsprache. Ein Stück, das circa 45 Minuten dauerte.

Wir mussten nur den richtigen Einstieg finden, dann konnten wir auch schwierige Klassiker auf die Bühne bringen.

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Noch ein kleiner Hinweis:

Zurück zu meinen Jugendlichen, die sich gerade auch Shakespeare widmen.

Weil sie unbedingt Shakespeare spielen wollten, sich aber nicht zwischen dem Sommernachtstraum (viel zu lustig) und Hamlet (dann doch zu tragisch) entscheiden konnten, haben sie beschlossen, ein eigenes Stück zu schreiben.

In der Kurzform haben meine Praktikantin und ich die wichtigsten Eckpunkte und Rollen der beiden Stücke vorgestellt. Gemeinsam haben wir versucht, die Rollen zu charakterisieren.

Dann haben wir improvisiert, was würde passieren, wenn Personen aus den verschiedenen Stücken aufeinandertreffen?

Gemeinsam haben wir einen Plot ersonnen und diesen in einzelne Szenen unterteilt. Diese haben wir dann improvisiert und aufgenommen. Daraus wurde unser Stück „Hamlets Sommernachtstraum“, das Ende des Jahres aufgeführt wird.

 

Und was ist das Fazit?

Das Fazit ist, dass man mit jeder Gruppe erst einmal ALLES umsetzen kann, man benötigt nur andere Wege, um zum Ziel zu kommen, aber es gibt einfach NICHTS Unmögliches!

 

Über die Autorin:

Sabrina Schultheis (Kommunikations- und Theaterpädagogin, heilpädagogische Ausbildung, Lehrerin an einer Förderschule) ist seit vielen Jahren als Theaterpädagogin und Regisseurin, auch – aber nicht nur – explizit für Menschen mit Behinderung tätig. Die Stücke wurden mehrfach von der Aktion Mensch gefördert. Sie ist Autorin einiger Theaterstücke (darunter „einfach LEBEN“, „Verdächtige“ u.v.m) und des Buches „Praxisbuch: Theaterarbeit mit Menschen mit Behinderung“, dieses gibt noch mehr Tipps und Hinweise- darin habe ich auch kleinschrittiger und mit Beispielen niedergeschrieben, wie wir „Romeo und Julia“ umgesetzt haben.

 

 

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