Inklusion beim Theater: Glückspilzfabrik, Teil 3 „Einfach LEBEN- Inklusion auf der Theaterbühne“

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Weiter geht es mit unserer Reihe „Inklusion beim Theater“ von unserer Autorin und Theaterpädagogin Sabrina Schultheis. Mehr Infos zu ihrem Projekt findet man auf ihrer Homepage wolkendinge.com.

 

Inhalt und einzelne Szenen eines Stücks überlegen

Nun hatten wir also einen Schauspielkurs innerhalb der neu gründeten Kulturwerkstatt32.

Mit der Eröffnung der Halle32 zogen wir ein, die Eröffnung feierten wir aber zuerst mit ein paar kleinen Sketchen, die wir aufführten und wir stellten fest:

Wir stehen auf Publikum!

Also mussten wir unser erstes eigenes Stück angehen.

Doch was sollte es sein?

Ein Schauspieler brachte die nötige Idee ins Spiel: Wir sollten über uns selber schreiben!

Also haben wir das Thema „Inklusion“ aufgegriffen. Nun nutze ich keinen Rollstuhl, ich habe Lautsprache und ich habe auch keine geistige Behinderung. Also war ich auf die Erlebnisse von meinen Darstellern angewiesen.

Was störte sie? Was konnten sie aufgrund von gesellschaftlichen Ideal nicht? Wo waren warum Grenzen? Aus diesen Ideen haben wir einzelne Szenen zusammengefasst.

Meine Schauspieler erzählten von diesem typischen mitleidigen Blick, den Menschen oft auf Menschen mit Behinderung werfen.

Es ging um Vorurteile, die wir in unserem Stück aufdecken wollten, um zum Nachdenken anzuregen.

So stellte sich in Gesprächen zum Beispiel heraus, dass man Rollstuhlfahrer automatisch für dumm hält, denn „behindert ist behindert“. Man glaubt, dass Menschen mit Down-Syndrom immer gute Laune haben und liebenswert sind. Man meint, Menschen mit geistigen Behinderungen wären immer glücklich und würden gerne kuscheln. All das haben wir aufgegriffen, gemeinsam in Oberthemen unterteilt und dann aus den einzelnen Bereichen Szenen gemacht. Hierfür haben wir Rollen festgelegt, uns Orte überlegt und gemeinsam besprochen, wer was spielt. Dann haben die Darsteller „einfach drauf los“ gespielt, sie hatten einen genauen Rahmen, an den sie sich halten sollten und haben innerhalb dessen agiert. Meine Aufgabe bei all dem? Ich habe gefilmt, Ideen eingeworfen und am Ende das Gefilmte abgetippt. Und schon hatten wir ein Theaterstück.

Weil es unser erstes Stück war, haben wir uns dazu entschieden, zwar eine indirekt durchgehende Geschichte zu entwerfen, diese aber nicht den dramaturgischen Regeln (Einführung, Erklärung des Problems, Höhepunkt, Lösung) zu unterwerfen. Dadurch hatten wir größeren Spielraum bei der Umsetzung der einzelnen Szenenideen und konnten zwischendurch auch immer mal Rollen tauschen.

Grob handelt das Stück von zwei ganz unterschiedlichen Rollstuhlfahrern. Einer ist ein richtig netter Kerl, mit sich und der Welt im Einklang und nichts kann ihn schockieren. Die andere ist wirklich kein guter Mensch, sie ärgert und sieht immer nur das Schlechte im Menschen.

Das ganze Stück zielte eigentlich auf nur eine simple Sache ab: Egal, ob Behinderung oder nicht: Jeder Mensch hat einen Charakter und der ist das, was zählt.

So handelte eine Szene davon, dass ständig auf den Rollstuhl gestarrt wird und- und das empfanden meine Darsteller als noch schlimmer- dass es immer jemanden gab, der sagte: „Starr nicht so auf den Rollstuhl!“, was zur direkten Folge hatte, dass die Menschen im Rollstuhl häufig bewusst nicht angeschaut werden.

 

Das Stück stand also und wir probten an der perfekten Inszenierung.

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Soufflieren mit Gebärden

Das größte Problem war: Wie sollte jemand soufflieren, ohne durch den ganzen Raum zu brüllen? Das einzig Sinnige, das mir einfiel: Gebärden. Da ich hauptberuflich an einer Förderschule tätig bin, bin ich ziemlich firm darin, lautsprachunterstützende Gebärden zu nutzen. Nun waren aber nur die wenigsten meiner Schauspieler ebenfalls an einer Förderschule und hatten dementsprechend noch keinerlei Erfahrung in diesem Bereich.

Also gebärdete ich einfach die ganze Zeit. Jeden Text aus dem Skript aber auch Anweisungen. Manchmal, wenn ich weiter weg stand, gebärdete ich nur und diejenigen, die mich verstanden hatten, erklärten es den anderen.

Dadurch hat sich etwas sehr schnell entwickelt: Passives Gebärdenverständnis. Alle Schauspieler lernten, welche Gebärde ihnen was sagen sollte.

Während der Proben saß ich vorne rechts an der Bühne, genau dort saß ich auch bei den Aufführungen. Schon in den Proben habe ich begonnen, bei Texthängern ausschließlich in Gebärdensprache zu soufflieren, das funktionierte! Auch bei den Aufführungen!

Puh! Problem gelöst.

Mittlerweile ist dieses bei uns ein stets genutztes System, besonders freue ich mich, wenn ich mitbekomme, dass die Schauspieler sich untereinander in Gebärdensprache soufflieren.

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Arbeit, die hinter einer Premiere steckt

Woran man nie denkt: Es geht bei der Erarbeitung eines Theaterstücks nicht nur darum, Text und Position und Emotion zu lernen und das auf der Bühne präsentieren zu können.

Es geht auch um Licht- und Tontechnik, es geht um Werbung, die im Voraus geschehen muss, es geht um Kostüme und Bühnenbild- kurz: es geht um eine Menge!

Gerade Menschen mit Behinderung leben häufig ein Leben, das sie in eine Seifenblase packt. Alles ist schon vorbereitet und sie müssen nur das machen, worauf gerade der Fokus liegt.

Nicht bei uns! Man kann sich nur weiterentwickeln, wenn man weiß, was alles zu schaffen ist.

Also habe ich Ton- und Lichttechnik mit ihnen besprochen, stundenlang habe ich mit ihnen auf der Bühne gestanden und nach oben auf die Scheinwerfer gestarrt.

Das Plakat und die Flyer haben wir gemeinsam erstellt und danach auch gemeinsam in den Städten und Gemeinden im Umkreis verteilt. Dazu gehört eine Menge Mut! In einen Laden zu gehen und zu fragen, ob man Plakate/ Flyer dalassen darf. Meist muss man dann auch noch erklären, um was es sich genau handelt.

So kamen die Schauspieler immer mehr in Berührung mit vielen fremden Menschen und sie waren diejenigen, die Bescheid wussten und den anderen was erklärten!

Bühnenbild und Kostüme haben wir selber erstellt bzw. gemeinsam geplant.

 

So wurde das Stück ein gemeinsames Werk! Wir haben für Furore gesorgt, die Presse war sehr interessiert und schien den Umgang mit Inklusion, den wir pflegen, besonders gut zu finden.

Nach diesem Stück stand fest: Wir sind gut! Was machen wir als nächstes?

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Über die Autorin:

Sabrina Schultheis (Kommunikations- und Theaterpädagogin, heilpädagogische Ausbildung, Lehrerin an einer Förderschule) ist seit vielen Jahren als Theaterpädagogin und Regisseurin, auch – aber nicht nur – explizit für Menschen mit Behinderung tätig. Die Stücke wurden mehrfach von der Aktion Mensch gefördert. Sie ist Autorin einiger Theaterstücke (darunter „einfach LEBEN“, „Verdächtige“ u.v.m) und des Buches „Praxisbuch: Theaterarbeit mit Menschen mit Behinderung“, dieses gibt noch mehr Tipps und Hinweise.

 

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