Inklusion auf der Theaterbühne: Glückspilzfabrik Teil 4, „Wir machen uns alles passend“

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Teil 4 unserer Reihe „Inklusion beim Theater“ von Autorin und Theaterpädagogin Sabrina Schultheis.

Jeden Mittwoch berichtet sie von ihrer wertvollen Arbeit mit behinderten und nichtbehinderten Menschen.

Wir sind begeistert und applaudieren aus der Ferne!

Mehr Informationen gibt es auf der Homepage wolkendinge.com.

 

Wir machen uns alles passend

Als Künstler finde ich es immer besonders toll, wenn man sich ein Stück überlegt, es erarbeitet (schreibt) und dann auf die Bühne bringt. Die Schauspieler haben da teilweise andere Vorstellungen, die möchten gerne auch mal vorhandene Geschichten spielen. Bücher, die sie mal gelesen haben, Filme, die sie mal gesehen haben, Stücke, die man „halt einfach kennt“.

Nach jedem Stück haben wir uns also zusammengesetzt und überlegt: Was spielen wir jetzt? Die Darsteller wünschten sich regelmäßig Themen/ Geschichten, die man kennt. Und ihr Wunsch war mir immer Befehl, denn immerhin war es ihr Hobby, um das es ging, nicht meine „Selbstverwirklichungs-Fabrik“. Also haben wir über die Jahre gleich mehrere Stücke gemacht, deren Grundthema man kennt. Hier anhand des Beispiels „Hilfe! Die Herdmanns kommen!“

 

Hilfe! Die Herdmanns kommen!

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Nach den Sommerferien hatte sich das Ensemble ein bekanntes Weihnachtsstück gewünscht, aber kein kitschiges. Schnell kamen wir auf die Bücher von B. Robinson „Hilfe! Die Herdmanns kommen!“.

Äußerst frei nach den Büchern habe ich ein Theaterstück geschrieben, doch hatten wir ein großes Problem: Wir brauchten Erwachsene!

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Also haben wir einfach über die Presse nach Erwachsenen gesucht und hatten schnell genügend zusammen. Einige von ihnen hatten noch nie auf der Bühne gestanden und meine Jugendlichen (egal ob mit oder ohne Behinderung) waren auf einmal die Profis und konnten den Erwachsenen viele Grundlagen erklären. Das Blatt hatte sich gewendet, wo normalerweise Jugendliche auf die klugen Erwachsenen hören sollten, haben hier die Erwachsenen sehr von den Erfahrungen der Jugendlichen profitiert.

Das Stück hatte so seine Schwierigkeiten, weil es sehr körperintensiv war, sehr viel prügeln sich die Herdmanns-Kinder, die „schlimmsten Kinder der Stadt“. Das benötigte sehr detailgetreue Inszenierung, viele Proben und eine genaue Erarbeitung, damit es nicht zu viele blaue Flecken gab. Hier haben dann häufig die Jugendlichen ohne Behinderung die ersten Schritte übernommen, wodurch die Jugendlichen mit geistigen Behinderungen „nur“ reagieren mussten.

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Die sind mittlerweile auf der Bühne einfach super und man kann ihnen kaum noch Anforderungen stellen, die sie nicht voller Freude angehen, aber manchmal haben sie Probleme damit, Dinge en detail umzusetzen. Dafür haben sie sich gegenseitig geholfen, meist ohne es wirklich zu merken. Wenn die Darsteller ohne Behinderung eine Schlägerei begonnen haben, konnten die Jugendlichen mit Behinderung perfekt mitmachen, am Ende gab es ein aggressives Chaos auf der Bühne, das perfekt inszeniert war. Genau so, wie es sein sollte.

 

Noch etwas Tolles hatte sich entwickelt: Die Erwachsenen, die sich für das Stück gemeldet hatten, hatten das zu einem Großteil aus einem besonderen Grund getan: Es ging um behinderte Jugendliche und auf der einen Seite wollten sie denen gerne helfen, auf der anderen Seite aber auch sich selber kennenlernen: Wie gehe ich mit solchen Menschen um? Was können die wirklich? Wie macht man mit denen ein Stück?

Am Ende waren alle Erwachsenen an der Situation gewachsen und hatten festgestellt:

Verrückt, mit denen geht man am besten genau so um, wie mit allen anderen auch.

Stimmt. Punkt.

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Über die Autorin:

Sabrina Schultheis (Kommunikations- und Theaterpädagogin, heilpädagogische Ausbildung, Lehrerin an einer Förderschule) ist seit vielen Jahren als Theaterpädagogin und Regisseurin, auch – aber nicht nur – explizit für Menschen mit Behinderung tätig. Die Stücke wurden mehrfach von der Aktion Mensch gefördert. Sie ist Autorin einiger Theaterstücke (darunter „einfach LEBEN“, „Verdächtige“ u.v.m) und des Buches „Praxisbuch: Theaterarbeit mit Menschen mit Behinderung“, dieses gibt noch mehr Tipps und Hinweise.

 

theaterboerse.de

Bei uns findet ihr Theaterstücke zum Ausdrucken per Download oder ganz bequem schon fertig gebunden über Versand.

 

 

 

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